Arbeit mit Krankheit – Interview mit CEO Tom Fehr

Die Arbeit mit Krankheit zu verbinden, beschäftigt mich schon seit mehr als 16 Jahren. Soll ich meine Krankheit im Bewerbungsgespräch erwähnen? Wie kommuniziere ich, wenn es mir nicht gut geht? Finde ich einen neuen Arbeitgeber, wenn ich kündige?

Diese Fragen sprengen die Foren und Gruppen. Doch wie ist die Sicht eines Unternehmers darauf?

Um diese Seite zu beleuchten, habe ich Thomas Fehr, CEO der Digitalagentur Ray Sono AG, zu dem Thema interviewt.

Bewerben mit Krankheit

Wenn ein Bewerber angibt, an einer Krankheit erkrankt zu sein, vielleicht sogar einen Behindertenausweis besitzt, wie reagierst du als Unternehmer darauf?

“Erstmal ist es eine vertrauensbildende Maßnahme, wenn er dies anspricht. Weil wenn sich Menschen mit einer Krankheit ‘im Rucksack’ bewerben, haben sie eh mit Sicherheit Vorbehalte, wie das ankommen könnte. Wenn sie aber über ihren Schatten springen und sagen: ‘Das ist ein Teil von mir und es gibt mich nur im Gesamtpaket’, dann ist es vertrauensbildend.

Darüber hinaus bin ich als AG verpflichtet, Arbeitsplätze für Menschen mit einer Behinderung bereitzustellen.”

Wer ist Thomas Fehr?

Thomas “Tom” Fehr ist CEO der Digitalagentur Ray Sono AG mit dem Hauptstandort München. Mit mehr als 260 Mitarbeitern, 3 Standorten und zahlreichen langjährigen, großen Kunden zählt Ray Sono zu den erfolgreichsten Digitalagenturen in Deutschland.

Zudem sitzt er im Aufsichtsrat des Unternehmens Wald-wird-mobil und B&O.

Wie wichtig ist es dir, dass ein Bewerber das von Anfang an offen seine Krankheit kommuniziert?

“Diese Frage hat etwas anmaßendes. Darf mir das wichtig sein?

Im Bewerbungsprozess finden sich ja zwei Parteien – die Firma, repräsentiert durch mich und eben den Bewerber, repräsentiert durch sich. Da habe ich kein Schema F – es läuft nicht immer gleich ab. Das ist wie beim Tanzen – wann mache ich die erste Drehung? Nämlich genau dann, wenn man das Gefühl hat, dass es der richtige Zeitpunkt ist. Es kann ja auch sein, dass er den Bewerbungsprozess irgendwann abbricht.

Haben es Menschen mit einer Erkrankung grundsätzlich auf dem Arbeitsmarkt schwieriger einen Job zu finden?

Wir haben zu 80-90% Knowledge Worker. Ich gehe nicht auf den Markt und schaue, wie ich mein Feld bestelle. Im Grunde ist es so: Ich scharre Menschen um mich rum, die zur rechten Zeit die richtige Ideen haben – wo sie die haben, ist mir erstmal egal.

In gewissen Positionen ist eine Anwesenheit wichtig. Wir haben ja auch Deadlines, die eingehalten werden müssen. Ich erwarte vom Gegenüber, dass er sich so mit seiner Krankheit auseinandersetzt, dass er das korrekt einschätzen kann. Und sollte er feststellen, dass er keine 40 Stunden in der Woche arbeiten kann, sondern nur 20, dann sollte er sich auf eine 20 Stunden-Woche bewerben.”

Viele Bewerber mit Krankheit befürchten schlechtere Chancen, wenn sie ihre Krankheit erwähnen. Zurecht?

“Klar. Weil wir in einer nicht idealen Welt liegen. Als Chef kann man es nicht garantieren, dass nicht jemand innerlich lautlos seufzt. Da spreche ich jetzt nicht von mir, da bin ich schon alt genug. Aber irgendein Projektleiter, der totalen Druck hat und unbedingt Verstärkung braucht. Man ist nicht jederzeit achtsam und reflektiert. Manchmal möchte man nur seinen eigenen Hausbrand im Projekt gelöscht haben.

Die Grundsorge ist leider Gottes richtig. Das ist denke ich ein Teilaspekt sich mit seiner chronischen Krankheit damit auseinanderzusetzen. Was bedeutet das für mein Leben?

Das macht den Lesern vielleicht etwas Mut: Ich habe einmal eine Person eingestellt – nicht bei Ray Sono. Ich hatte für das Profil eine hammermäßige Stellenausschreibung. Aus diversen Gründen war diese Stelle total wichtig. Und ich hatte einen Katalog mit 36 Kriterien. Insgesamt hatte ich 60 Bewerber über verschiedene Kanäle.”

“Der Vorteil ist kein Arschloch zu sein.”

“Da gab es eine Bewerberin, die wie die Faust aufs Auge passte. Das, was ich im Kriterienkatalog stehen hatte, hätte das fast nicht zugelassen. Doch sie hat alles erfüllt und war interessiert.

Was dann passiert ist: Ich hatte noch eine Bewerberin, die von den 36 Kriterien fast keins abgedeckt hat. Aber sie wurde es. Das war aus dem Bauchgefühl heraus.”

Wie kam es dazu?

“Weil es noch eine weitere Kategorie gibt, die ich damals in den 36 Kriterien nicht berücksichtigt habe: Nämlich den Tiefgang. Wenn ein Mensch sehr achtsam mit sich umgeht, hat er oftmals einen besonderen Tiefgang. Und das hat mich überzeugt. Auch wenn sie zu der Zeit schon 10 Jahre depressiv war.

Ich muss sagen: So eine Krankheit macht etwas mit dir. Ja, den ein oder anderen Tag kann sie nicht zur Arbeit kommen, weil es ihr nicht gut geht. Aber ansonsten hatte sie einen Tiefgang, das war unfassbar.”

Gibt es Vorteile für das Unternehmen einen Menschen mit Krankheit einzustellen? Wenn ja, welche?

“Der Vorteil ist kein Arschloch zu sein (lacht). Ich gründe kein Unternehmen um Vorteile zu haben. Ich möchte ein vitales Element der Gesellschaft sein, um etwas voranzubringen.”

Welchen Best Practise kannst du Menschen mitgeben, die Angst davor haben, aufgrund ihrer Erkrankung keine neue Arbeitstelle zu finden?

“Der Best Practise bin ich selbst im Umgang mit Krankheiten. Ich hatte mal von heute auf morgen einen Tinnitus. Dann kommt natürlich gleich: ‘Haben Sie Stress?’ Hatte ich nicht. Ich hatte stressige Phasen in meinem Leben – das war definitiv keine. Das war eine sehr ruhige. Ich habe eine Alpenüberquerung gemacht – der Tinnitus wurde noch lauter.”

“Du musst nicht zu irgendwas passen, sondern etwas muss zu dir passen.”

“Was ich dann gemacht habe: Ich habe mich mit der Krankheit beschäftigt. Ich wollte sie verstehen und nicht erstmal weg haben. Das ist ein großer Unterschied. Und irgendwie war es cool: Der Tinnitus war so eine subjektive Sache in meinem Kopf. Und wenn mein Unterbewusstsein sich überlegt hat, wie es mich am besten adressieren kann, damit ich auch wirklich zuhöre, dann machen wir das über das Gehör. Ganz nach dem Motto: Ein Tinnitus wird ihn ablenken. Je mehr er abschweift, desto lauter wird er.

Ich weiß noch wie später meine Frau gesagt hat: Wie gut, dass du den Tinnitus hattest. Das hat unser Leben echt geändert. Du gehst achtsamer mit dir um und versuchst dich zu verstehen. Ich habe dann eine Hypnotherapie gestartet. Da ist mir bewusst geworden, was ich mit dem Instrument (Hypnotherapie) alles lösen kann. Nach der 2. Sitzung war ich zu 80% symptomfrei. Ich habe es trotzdem 1,5 Jahre weitergeführt. Irgendwann hat die Therapeutin gesagt, dass ich zur Meditation übergehen soll.

Toms persönlicher Hack
Der Best Practise ist, sich mit der Krankheit ausreichend auseinanderzusetzen. Das klingt vielleicht ein bisschen einfach. Die Krankheiten sind meist nicht eindimensional, dass einfach irgendetwas fehlt. Mein Leben wurde erheblich besser, seit dem ich mich mit ihr tiefgehend beschäftigt habe.

Wenn du die Krankheit verstehst, dann weißt du, was gut für dich ist. Du musst nicht zu irgendwas passen, sondern etwas muss zu dir passen.”

Der richtige Umgang bei der Arbeit mit Krankheit

Du bist ja ein Chef, der sehr offen und engagiert damit umgeht, wenn ein Ray Sono Mitarbeiter auf dich zukommt und aufgrund einer Erkrankung Probleme im Arbeitsumfeld hat. Was erhoffst du dir dabei?

“Es gibt noch einen Prozess davor, bevor ich konstruktiv werde: Ich finde heraus, ob ich Teil des Problems bin. Und das ist ein elementarer Schritt. Wenn ich konstruktiv werde, dann bin ich sicher, dass dieser Mensch bei Ray Sono richtig ist. Aber ich muss davor in Erfahrung bringen, ob jemand ‘durch’ Ray Sono krank wird. Ob wir eben Teil des Problem sind.

Wenn ich festgestellt habe, dass wir Teil der Lösung sind, überlege ich, wie die Rahmenbedingungen hier zu einer Lösung beitragen können. Dem Thema sollte man sich rational und ernsthaft nähern. Man kann dem Menschen viel versprechen, wie z.B. dass er weniger Druck im Projekt hat o.ä., aber wichtig ist, dass man diese Versprechen dann auch halten kann.

Es gilt Klarheit zu schaffen: Was hilft wirklich und was ist auch fair dem Team gegenüber? Denn was bringt es, dem Menschen Linderung zu verschaffen, wenn er durch die Gruppe Stress bekommt, weil das Team damit völlig unzufrieden, weil überfordert, ist?”

“Mein Kapital sind Menschen, die jeden Monat den Deal eingehen, für mich zu arbeiten.”

“Und: Inwieweit können wir zur Genesung beitragen und wo ist die Grenze als Arbeitgeber? Manchmal musst du dir professionelle Hilfe suchen. Das kann die Personalabteilung nicht lösen. Wir können auf die berufliche Halbkugel seines Seins schauen, aber es gibt eben noch etwas anderes. Aber das löst man ggf. besser beim Arzt und nicht im Meetingraum bei Ray Sono.

Das ist mein Anspruch, dass wir hier einen guten Umgang haben und eine gute Selbsteinschätzung, wo wir unterstützen können und wo nicht.

Was ich mir erhoffe: Sei ein respektables und integres Mitglied der Gesellschaft. Es gehört sich einfach.”

Ist das jetzt deine persönliche Sicht oder auch die des Unternehmens?

“Das geht ja Hand in Hand. Um es in Kapitalistensprache auszudrücken: Mein Kapital sind Menschen, die jeden Monat den Deal eingehen, für mich zu arbeiten. Und Menschen wollen in coolen Companies arbeiten.

Wir sind eine Knowledge Company und arbeiten in der ersten Liga und deshalb glaube ich, dass es gut ist für den Mitarbeiter wenn er auch etwas stolz ist, wie das Unternehmen handelt.

Es macht mehr Spaß ein integres Unternehmen zu sein. Dann hast du auch nettere Menschen um dich herum.”

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Menschen mit chronischen Erkrankungen werden von ihren Vorgesetzten oft unter Druck gesetzt, nicht krank sein zu dürfen und trotzdem Leistung auf hohem Niveau abzuliefern. Wie erklärst du dir das?

“Das ist vielfältig. Vielleicht brennt die Hütte. Vielleicht funktioniert das Geschäftsmodell nicht. Vielleicht ist es auch eine schlechte Führungskraft. Einen erkrankten Menschen unter Druck zu setzen geht gar nicht.

Vielleicht ist es auch ein Druck, der von oben durch die Ebenen vererbt wird. Vielleicht pflegt das Unternehmen eine Schlechtfühl-Kultur. Schlechtfühl-Management gibt es tatsächlich in manchen Unternehmen.

Ich glaube nur, dass sich das langfristig durch die Transparenz der Märkte wie durch Kununu nicht halten wird.”

Was möchtest du erkrankten Menschen mitgeben, die in ihrer aktuellen Arbeitsstelle darunter leiden?

“Die größte Verantwortung für das eigene Leben hat man selbst. Und wenn man ab und zu mutlos ist und einem die Energie fehlt, dann muss man Energie auftanken und mutiger werden, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Und das kann auch sein, den Arbeitgeber zu wechseln.

Oder den Bewerbungsprozess abbrechen, weil man merkt, dass es nicht passt. Übernimm Verantwortung für dein eigenes Leben. Versuche dich so gut als möglich aus einer Druckposition herauszubekommen und eine gewisse Freiheit in der Entscheidung zu bekommen. Wenn du in deinem Zustand nicht super leistungsfähig bist und trotzdem dein Leben finanzieren musst, dann ist es auch legitim, die Eltern oder Freunde um finanzielle Hilfe zu bitten. Druck heraus zu nehmen. Sich erstmal um seine Krankheit zu kümmern. Um dann mit mehr Freiheit und klarem Kopf die nächsten guten Entscheidungen zu treffen.”

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