Chronisch gesund statt chronisch krank – Interview mit Dr. med. B. Dickreiter

„Chronisch gesund statt chronisch krank“. Dieser Titel machte mich bei meinem letzten Besuch im Buchladen hellhörig. Aus schulmedizinischer Sicht bin ich chronisch krank und chronische Gesundheit ist mein oberstes Ziel. Klingt nach einem super Match.

Der Ansatz des Autors Bernhard Dickreiter ist hierbei interessant und neu: Anstatt sich auf eine Sache wie Ernährung oder Meditation zu konzentrieren, argumentiert er für die ganzheitliche Betrachtung. Der Fokus der Betrachtung liegt hierbei bei nichts Geringerem als der Gesundheit der einzelnen Zelle und der extrazellulären Matrix, welche die Zelle umgibt.

Nachdem ich das Buch las, lud ich Herrn Dickreiter zu einem Interview ein, um noch mehr von ihm und seiner Untersuchung zu erfahren. Im Folgenden findest du das Ergebnis.

First of all: Was ist überhaupt die extrazelluläre Matrix?

„Die ZRT ist ein Konzept zur Prävention und zur Therapie der chronischen Zivilisationskrankheiten. Die Philosophie dahinter ist – einfach ausgedrückt -, alles zu tun, damit es den Zellen im menschlichen Organismus gut geht. Dabei müssen wir über die Lebenssituation unserer Zellen Bescheid wissen und sie im Kontext mit ihrer Umgebung betrachten. Jede Zelle ist in eine organtypische Umgebung – in die extrazelluläre Matrix (EZM) – eingebettet. Sie stellt den Lebensraum aller unserer Zellen dar, aus dem sie ihre Nähstoffe, Sauerstoff, usw. aufnehmen und in den sie ihre Abfallstoffe abgeben. Die EZM stellt eine komplex strukturierte Zellumgebung dar, die in ihrer Gesamtheit fast ein Drittel unseres Körpergewichtes ausmacht. Diese darf nicht länger der „blinde Fleck“ der universitären Medizin sein und muss gerade bei den chronischen Zivilisationskrankheiten berücksichtigt werden, da nur so die negativen Veränderungen im Körper auf dem Weg in diese Krankheiten zu verstehen sind.“

Wer ist Dr. med. Bernhard Dickreiter?

Dr. med. Bernhard Dickreiter

Dr. med. Bernhard Dickreiter ist Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation und verfügt über die Zusatzbezeichnungen Naturheilkunde und Geriatrie. Zudem ist er Dozent an der Fresenius Hochschule und hält Seminare. Er beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit zellbiologischen, evolutionsbiologischen und systembiologischen Erkenntnissen und untersucht, wie sie für die Therapie chronischer Zivilisationskrankheiten und der Prävention eingesetzt werden können.

Warum wird Ihrer Meinung nach in der Schulmedizin die extrazelluläre Matrix wenig bis gar nicht berücksichtigt?

„Die EZM entzog sich bisher einer direkten Diagnostik. Wenn man in ein Gewebe sticht, so erhält man immer eine Mischung aus Flüssigkeit aus der EZM, aus zerstörten Zellen und aus Blut. Daraus ergeben sich keine aussagekräftigen Laborwerte. Heruntergebrochen kann man sagen: ‚Was nicht messbar ist, gibt es nicht.’“

Wie sehen Sie den Trend der Schulmedizin hin zur ganzheitlichen Medizin?

„Immer mehr Ärzte sind sich zunehmend bewusst, dass die chronischen Zivilisationskrankheiten durch Medikamente nicht zu heilen sind. Die Erkenntnis, dass die Probleme dieser Krankheiten nur auf der Ebene zu lösen sind, auf der sie entstanden sind, verbreitet sich mehr und mehr.

Viele Ärzte suchen und wenden sich neuen ganzheitlichen Ansätzen zu. Das entspricht auch dem Bedürfnis der Patienten, sowohl schulmedizinisch, als auch ganzheitlich betreut zu werden. Einen Durchbruch zur ganzheitlichen Medizin, die wir vielleicht besser systembiologische Medizin nennen sollten, wird aber sicher noch viele Jahre auf sich warten lassen. Interessanterweise werden die Kenntnisse über die EZM in einem ganz anderen Gebiet zunehmend verbreitet: in der Transplantationsmedizin. Hier wird an der Neubildung von menschlichem Gewebe bzw. Organe durch Stammzellen geforscht. Die Stammzellen müssen dabei in eine EZM gegeben werden, die dem Organ entspricht, das man ‚züchten‘ möchte.“

Herr Dickreiters persönlicher Hack
Bei akuten Erkrankungen sind wir in der „Schulmedizin“ sehr gut versorgt und sollten für ihre Leistungen dankbar sein. Bei den chronischen Zivilisationskrankheiten benötigen wir aber eine systembiologische Vorgehensweise in der Prävention und in der Therapie. Jeder chronisch kranke Patient sollte wissen, dass Medikamente allein auf Dauer keine gute Lösung darstellen. Er muss sich zunächst kundig machen und dann den Prozess der Heilung in die eigene Hand nehmen. Orientieren Sie sich an den biologischen Grundprinzipien des menschlichen Organismus. Diese erklären klar, was jeder Einzelne zur Erhaltung oder Wiedergewinnung der Gesundheit benötigt.

Wie läuft so eine Therapie normalerweise ab?

„In dem Erstgespräch werden natürlich alle relevanten Informationen über Beschwerden, Krankheiten, bisherige Diagnostik usw. erfragt. Dann erfolgt eine umfassende Erhebung in den relevanten Bereichen des Lebens des Betroffenen: Wie ernährt er sich, wie bewegt er sich, wie schläft bzw. regeneriert er, wie ist die chronische Stressbelastung, bestehen Hinweise auf einen Mangel an orthomolekularen Substanzen, auf eine latente Übersäuerung oder auf eine Toxin-Belastung, könnte eine Störung des Mikrobioms des Darmes vorliegen usw. Danach wird über eine gezielte Diagnostik und über die Therapieschritte bzw. über Empfehlungen zur Umstellung der Lebensweise gesprochen.

Systembiologisch (ganzheitlich) bedeutet alle Mängel müssen behoben werden.“

Wann kann man ungefähr mit ersten Therapieerfolgen rechnen?

„Die Therapieerfolge bei den chronischen Zivilisationskrankheiten hängen natürlich von der Art und vom Stadium der Krankheit ab. Bei einem leichten Diabetes benötigt man in der Regel wenige Wochen, um den Zuckerstoffwechsel zu normalisieren. Bei Frühformen der Arthrose oder Osteoporose dauert es Monate, bis sich Knorpel oder Knochen wieder regeneriert haben. Bei den Frühformen von Alzheimer verspürt der Patient erst nach drei Monaten eine leichte Verbesserung. Für den gewünschten Erfolg muss er das Therapiekonzept nach Dr. Bredesen oder nach Dr. Nehls mindestens über acht Monate konsequent umsetzen. Regeneration benötigt Zeit.“

Gibt es Ihrer Meinung nach die Möglichkeit einer Heilung?

„Natürlich gibt es auch bei den Zivilisationskrankheiten eine Heilung. Diese ist aber nur möglich, wenn der zerstörerische degenerative Prozess nicht zu weit fortgeschritten ist. Wir müssen rechtzeitig korrigierend eingreifen und dabei alle Mängel beheben, die das biologische System benötigt, um zu heilen.“

Herr Dickreiters Tipp für dich:
„Die gängige Medizin kümmert sich um Ihre Krankheit, um Ihre Gesundheit müssen Sie sich selbst kümmern. Machen Sie sich kundig und nehmen Sie Ihre Gesundheit in die eigene Hand.“

Ganzheitliche vs. gezielte Anwendung

Sie vertreten ja den Standpunkt der ganzheitlichen Medizin. Nun gibt es andere Experten, die sagen, eine Linderung oder sogar eine Heilung wäre z.B. rein durch Meditation, oder rein durch gesunde Ernährung möglich (um mal nur 2 Beispiele zu nennen). Wie stehen Sie dazu?

„Ganzheitlich bedeutet, dem ‚System Mensch‘ alles zukommen zu lassen, was es zum gesunden Leben benötigt. Und zwar umfassend, also nicht nur gesunde Ernährung und Vitamine, sondern auch ausreichend Bewegung, Regeneration, ausgeglichene Säure-Basen-Verhältnisse usw.

Die Meditation hat zB. unter anderem über die Stärkung des Parasympathikus einen sehr positiven Effekt auf die Regeneration. Einen zusätzlich bestehenden Mangel an Vitamin D oder an Omega-3-Fettsäuren kann man damit aber nicht ausgleichen. Die Begeisterung für eine Methode darf uns nicht daran hindern, systemisch oder ganzheitlich zu denken und zu handeln.“

Lesenswert: Mit 10 Minuten-Meditation zum entzündungsfreien Körper

Über die aktuelle EZM Forschung

In Ihrem neuen Buch „Chronisch gesund statt chronisch krank“ schreiben Sie auch, dass an der EZM geforscht wird. Können Sie dazu bitte noch ein paar Sätze sagen? Was sind die Ziele, wie ist der Stand?

„Im Buch gibt es ein Kapitel ‚Die extrazelluläre Matrix in der Forschung – In der Wissenschaft ist der Zellzwischenraum mittlerweile angekommen‚. Im Zuge der Organherstellung über Stammzellen wird weltweit an den typischen organspezifischen Eigenschaften der EZM geforscht. Nur über die Information durch die entsprechende EZM differenzieren sich die Stammzellen zu den gewünschten Leber-, Herz- oder Knorpelzellen. Auch in vielen anderen Fachbereichen wird in der Grundlagenforschung zunehmend die Zelle im Kontext mit ihrer Umgebung (EZM) betrachtet.“

An dieser Stelle bedanke ich mich nochmals herzlich bei Herrn Dickreiter für das Interview. Wer selbst das Buch lesen möchte, hier die Daten dazu:

Lesenswert: Ratgeber Gesunde Ernährung

„Chronisch gesund statt chronisch krank: Wie Arthrose, Diabetes, Alzheimer und andere Zivilisationskrankheiten entstehen – und was Sie dagegen tun können“, Heyne Verlag, erschienen April 2019, ISBN: 978-3-453-20715-8